Zeitleiste | Success Stories
1998 - Vorgeschichte
Zwei Maschinenbaustudenten haben Klausuren und Prüfungen satt. Viel lieber möchten sie ein greifbares Produkt entwickeln. Im Konstruktionswettbewerb IDC 1998 am Fachgebiet Maschinenelemente und Konstruktionslehre MuK der TU Darmstadt machen sie dazu erste Erfahrungen "im kleinen Maßstab". Aber jetzt wollen sie wollen ein Fahrzeug entwickeln, mit dem zwei Personen aus eigener Muskelkraft schnell und bequem größere Strecken zurück legen können. Diese Idee wird bei einem Bier an Bernd Heidemann herangetragen, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet MuK den Beiden seinen Chef Prof. Birkhofer als leidenschaftlichen Tandemfahrer empfiehlt. Die Dinge nehmen ihren Lauf...
1999 - Konzept- und Designstudie
Der gleichermaßen am Produkt und am Projekt im Verständnis eines neuen Lehr- und Lernmodells interessierte Prof. Birkhofer schlägt vor, dass Fahrzeug auf dem Stand des Berliner Kreises Wissenschaftliches Forum für Produktentwicklung e.V. auf der Hannover Messe 2000 auszustellen. Damit gewinnt plötzlich die ganzheitliche Qualität des Produkts an Bedeutung. Das Design bringt die zwei Maschinenbauer an ihre Grenzen. In ihrer Not wenden sie sich an den Fachbereich Gestaltung der FH Darmstadt, wo zwei Industriedesignstudenten zu Hilfe eilen. Begeistert vom nun interdisziplinäneren Ansatz des Projekts ermöglicht Prof. Tino Melzer eine Anerkennung des Designentwurfs als Vordiplomarbeit.
Die erste Visualisierung des Läufers im Januar 1999
Im Februar 1999 beginnt die Konzeptphase mit einer ausgedehnten Recherche. Bernd Heidemann unterstützt das mittlerweile vierköpfige Team. Bald bekommt der Traum den Namen "Läufer". Aus den vagen Vorstellungen werden konkrete Ziele, aus Zielen eine detaillierte Anforderungsliste. In regelmäßigen Besprechungen geben die beiden Professoren wertvolle Hinweise, Urteile und Entscheidungshilfen.
Frühkonzept- und Designskizzen
Ausgehend von den Ergebnissen der Recherche werden in der frühen Konzeptphase grundlegende Lösungen für alle Aspekte eines muskelgetriebenen Reisefahrzeugs entwickelt: Wie stabilisiert man das Fahrzeug? Wäre auch ein Dreirad denkbar? Wie umfassend soll das Fahrzeug verkleidet werden?
Maschinenbau- und Designstudenten hinterfragen bestehende Konzepte und erarbeiten gemeinsam Lösungen. Analytische und diskursive Methoden spielen hierbei eine ebenso große Rolle wie die zahlreichen Konzeptmodelle und unzähligen Designskizzen.
Die Konzeptentscheidung für ein einspuriges Fahrzeug folgt der goldenen Regel der Konstruktionslehre: "einfach, eindeutig, sicher". Platzbedarf und Durchfahrbreite sind weitere Argumente für das einspurige Fahrwerk. Nicht zuletzt kann sich niemand im Team so recht eine schnelle Abfahrt ohne die sportliche Kurvenneigung vorstellen. Der "Läufer" wird ein Zweirad mit gelenktem Vorderrad.
Aber wie gliedert man den Rahmen eines Tandem-Liegerads? Wie kann durch modulare Bauweisen der Einsatz von Gleichteilen realisiert werden?
1999 - Präentation der Konzept- und Designstudie
Im Juli 1999 endet die Konzeptphase mit der Präsentation der Konzept- und Designstudie am Fachbereich Gestaltung der FHD. Entwurf und Modell werden begeistert aufgenommen. Prof. Birkhofer aber warnt: "Der Blumenstrauß wird immer größer. Wir möchten aufpassen, dass er noch in die Vase passt."
Anschließend werden die bestimmenden Merkmale einer Überprüfung unterzogen. Mit groben Halbzeugen und alten Fahrradteilen werden die Geometrien von Fahrwerk, Lenkung und Ergonomie umgesetzt, erprobt und optimiert. In den wesentlichen Punkten hält die Designstudie der Überprüfung stand.
Letztlich soll all dieses mit dem aktuellen Stand der Entwicklungs- und Fertigungstechnik realisiert werden, um den Anspruch einer zeitgemäßen Hochschulausbildung gerecht zu werden.
1999 - Konstruktion und Umsetzung Prototyp I
Die Zeit drängt, noch 3 Monate bis zur Messe. Die Expertenaussage: "Design und Fahrrad, das könnt Ihr vergessen" ernüchtert. Fertigungs-Know-How und -mittel fehlen. Mit dem Designmodell unterm Arm, findet das Team auf der Euromold kompetente Unternehmen der CAD/CAM- und Kunststofftechnik.
Die Firmen Wethje Kunststofftechnik und Schroeter Modell- und Formenbau begreifen das Projekt als Chance und sagen bereitwillig Unterstützung bis hin zu einer Nullserie von insgesamt 10 Fahrzeugen zu. Bedingung: Innerhalb von 4 Wochen muss die Konstruktion als CAD-Datensatz vorliegen.
Prof. Anderl vom Fachgebiet Datenverarbeitung in der Konstruktion DiK der TUD empfiehlt für Konstruktionsaufgaben das CAD-System CATIA V4 einzusetzen. Eine übliche CAD-Ausbildung auf diesem System dauert mindestens 3 Wochen. Die Audi-Akademie aber führt in einem 3-Tage-Crashkurs in die wichtigsten Systemfunktionen ein.
Diese Einführung erweist angesichts der nahenden Messe als unersetzliches Rüstzeug, das sich beim Konstruieren bewährt und vertieft. Neben der eigentlichen Konstruktion müssen auch noch zahlreiche weitere Unternehmen für die Systemkomponenten vom Antriebsritzel bis zum Zentralrohr gewonnen werden.
2000 - Prototyp I auf der Hannover Messe
Der Prototyp wurde fertig. Und zwar 5 Minuten vor der geplanten Abfahrt nach Hannover. Im LKW tritt der "Läufer" seine erste Fahrt an.... Auf dem Messestand ist er ein Publikumsmagnet, Produkt und Projekt finden Anerkennung, muß aber auch kritischen Fragen standhalten. Eigentlich sollte das Projekt damit zu Ende sein.
2000 - Redesign
Trotz großer Resonanz erfüllt der Prototyp die Erwartungen noch nicht. Aber jetzt steht das Projekt "Läufer" in der Öffentlichkeit. Das Redesign beginnt im Mai 2000. Messeauftritt, Analyse und Selbstreflektion haben das Bewusstsein für die ursprüngliche Zielsetzung geschärft und den Weg dorthin neu strukturiert. Aus dem ersten Prototypen soll nun ein nutzbares Produkt werden.
Die angestrebte Synthese aus Design und Technik erweist sich als komplex und anspruchsvoll, findet aber vielerorts Anklang und erschließt nie geahnte Möglichkeiten: Die Industriepartner unterstützen weiterhin, das studentische Team gewinnt neue Mitarbeiter, die Medien verfolgen gespannt die Fortschritte - der Blumenstrauß geht mit dem Projekt durch.
2001 - Konstruktion und Umsetzung Prototyp II
Grundsätzliche konzeptionelle Änderungen im Bereich Lenkung. Neukonstruktion der Rahmenstruktur und des Fahrwerks nach fertigungstechnischen Gesichtspunkten. Konkretisieren der aerodynamischen Verkleidung. Optimierung der Ergonomie.
Umstieg auf CATIA V5. Ausschöpfen sämtlicher Möglichkeiten des virtuellen Produkts. Einstieg in die verteilte Produktentwicklung an mehreren Standorten. Noch mehr Interdisziplinarität.
2001 - Prototyp II auf der Euromold
Zur Messe Euromold in Frankfurt am Main sind die wesentlichen Teile von Rahmen und Verkleidung in kohlefaserverstärktem Kunststoff fertiggestellt. Noch bleibt viel Arbeit im Bereich von Antrieb, Fahrwerk und Lenkung zu tun.
2002 - Jungfernfahrt mit Prototyp II und CeBIT
Im März soll der Läufer im Rahmen der CeBIT auf dem Messestand der IBM Deutschland GmbH präsentiert werden. Bis zu diesem Termin soll der Läufer fahrbereit sein. Videoaufnahmen in Berlin sind geplant. Mit einem zunächst rein mechanischen Antriebsstrang und einer Lenkbetätigung ein flexibles Zug-Druck-Element gelingt die Jungfernfahrt mit dem zweisitzigen Läufer im Darmstädter Herrngarten Mitte März 2002.
2002 - Prototyp II auf der Euromold und Generationswechsel
Bis zur Euromold 2002 werden die Verstellmechanismen für Einstellung des Lenkers, des Sitzes und der gesamten Verkleidung fertiggestellt.
Die Studienzeit des Gründungsteams neigt sich dem Ende zu. Ein Generationswechsel muss gelingen. Projektleiter Christian Heßling übergibt sein Amt an Mathias Goldt. Mit dem Wechsel der Projektleitung schreitet auch eine neue Generation von Studenten zur Tat. Die neuen Entwickler können sich jedoch auf die erfahrenen Projektgründer mit Rat und Tat verlassen.
2003 - Prototyp III auf der Euromold
Auf der Euromold 2003 wird das hintere Fahrwerk vorgestellt, gefertigt aus kohlefaserverstärktem Kunststoff.
2004 - Rollenprüfstand und Fahrversuche
Der einsitzige Prototyp V rollt auf die Straße. In Zusammenarbeit mit dem Institut BIBA an der Universität Bremen entsteht ein Rollenprüfstand für die Erprobung von Zweirädern. Dem Projekt Läufer dient dieser Prüfstand für Entwicklung und Test des Hybridantriebs. Das NDR-Magazin "Das" berichtet über die südhessisch-hanseatische Kooperation.
Bis zu diesem Zeitpunkt existieren keine verlässlichen Angaben bezüglich Gewicht, Roll- und Luftwiderstand. Deshalb wird der Läufer mit Rolltests und Leistungsmessungs überprüft. Am Ende steht fest: Um schnell zu sein, muss der Läufer deutlich leichter werden. Darüber hinaus muss das Antriebskonzept überdacht werden, um den Gesamtwirkungsgrad zu verbessern.
2005 - Überarbeitung des Antriebskonzepts
Aufgrund der neu gewonnenen Daten und Erkenntnisse wird das Antriebskonzept neu überdacht. Aus Gesprächen mit Elektrotechnikern und Fachleuten für Antriebstechnik der TU München wird klar, dass das Ziel, einen schnellen autarken Hybridantrieb aus eigener Kraft zu bauen, übersteigt die Kapazitäten des Teams. Auch die seit Anfang angestrebte Energierückgewinnung stellt sich für den Läufer als nicht sinnvoll herraus.
Beim Besuch der Messe Eurobike trifft das Team auf die Firma Swizzbee. Der schweizer Hersteller eines leistungsstarken Hybrid-Fahrrades gibt dem Team seine Zustimmung den Swizzbee-Antrieb im Läufer zu verbauen. Das Ziel rückt damit ein gutes Stück näher.
Die Integration des Swizzbee-Antriebes in das Fahrzeugkonzept des Läufer stellt das Team vor große Herausforderungen. Durch den bei Swizzbee verbauten Kettenantrieb entscheidet sich das Team, den bisher verwendeten Riemenantrieb nicht mehr weiter zu verfolgen. Alle Bemühungen, den Tretring als tragendes Designelement zu retten, scheitern am hohen Gewicht dieser faszinierenden, aber unerreichbaren Lösung.
Deshalb entschließt sich das Team, das Gesamtkonzept den Gegebenheiten anzupassen und eine neuen Hauptrahmen zu entwickeln, der den Anforderungen des neuen Antriebs gerecht wird und mit dem Designanspruch des Projekts vereint. Um das Antriebskonzept und kritische Baugruppen noch vor der Kohlefaserkonstruktion testen zu können, wird mit einfachen Mittel noch einmal ein Funktionsprototyp für den Prüfstand realisiert - die "Steel Beauty". Im Bild der erste Designentwurf für den Kohlefaser-Prototypen.
2006
2007